Eveline Cantieni Schlumpf, Michael Günzburger, Sonja Kretz, Anita Kuratle, Zilla Leutenegger, Bruno Steiner, Bruno Tremblay, Nancy Wälti
24. Mai bis 13. Juli 2008
Haben Sie den Titel der Ausstellung gelesen? Dann sind Sie einer Linie gefolgt. 13 Zeichen, 13 Linien, mehrere Bedeutungen. Die Linie der Schrift: fängt eine Bedeutung ein, hält sie fest und gibt sie – an einer anderen Stelle, zu einer anderen Zeit – wieder frei. Ob im Einkaufszentrum, im Strassenverkehr oder in der Natur – die Linie begleitet und bestimmt unseren Alltag. Doch was geschieht mit der Linie in der Kunst? Diese elementare Ausdrucksform begleitet die Menschheit seit den ersten Höhlenmalereien. Zahlreiche Untersuchungen und Theorien zeugen von der immer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit der Linie als form- und sinngebendem Element. Dabei wurden unterschiedlichste Aspekte wie die Ästhetik der Linie oder ihr Verhältnis zu anderen Bezugsgrössen wie zum Beispiel der Fläche aufgegriffen. Die elementare Form und der universelle Charakter der Linie lassen gleichzeitig in hohem Masse Individuelles als auch Allgemeingültiges zu.
Die Linie als einfachstes Mittel der visuellen Darstellung von Ideen ist Thema der ersten Ausstellung im Kunsthaus Grenchen: Im Neubau werden 8 Positionen des gegenwärtigen Schweizerischen Kunstschaffens gezeigt. Diese untersuchen mit unterschiedlichsten Vorgehensweisen Bedeutung, Einsatz und visuelle Wirkung der Linie. Die Arbeiten weisen – jede auf ihre ganz eigene Art – über die Linie als gerade oder gekrümmte, eindimensionale Verbindung von Punkten hinaus. Ein flacher Scherenschnitt wird zu einem plastisch wirkenden Netz, die althergebrachte Technik der Wandmalerei trifft auf neueste Technologien. Zeichnungen von höchster linearer Präzision und Zeichnungen als Gratwanderungen zwischen Linie und Fläche stehen im Dialog.
Im Altbau wird das Thema mit einer Auswahl von Werken aus der bedeutenden grafischen Sammlung der Stiftung Kunsthaus Grenchen beleuchtet. Während in der Wechselausstellung Materialien, Techniken und inhaltliche Aspekte frei vom klassischen Kanon der Gattungen und Stile kombiniert werden, folgt die Ausstellung der Sammlung eher traditionellen Ordnungsmustern: Porträt, Akt, Landschaft und Abstraktion werden als Leitideen der Präsentation verwendet. Gezeigt werden ausgewählte Zeichnungen und Arbeiten auf Papier vorwiegend aus den 60er, 70er und 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, unter anderem Werke von Daniel Spoerri, Franz Eggenschwiler, Arthur Girard, Bernhard Luginbühl und Peter Travaglini.
Das Nebeneinander von zeitgenössischen Konzepten neuesten Datums und älteren Arbeiten aus der Sammlung bietet den Besucherinnen und Besuchern zahlreiche Möglichkeiten, die vorgestellte Thematik in ihrer Ganzheit und Vielfalt kennen zu lernen. Über die kunsthistorisch-inhaltliche Bedeutung des Themas hinaus kommt dieser Ausstellung nicht zuletzt auch eine besondere Stellung in der Geschichte des Hauses zu: Mit der Neueröffnung hat sich das Kunsthaus Grenchen entschieden, eine bedeutende Startlinie zu überschreiten und künftig eine neue Linie zu verfolgen.
Die Künstlerinnen und Künstler der Wechselausstellung im Neubau:
Eveline Cantieni Schlumpf (geboren 1959, lebt und arbeitet in Winterthur) legt mit «Strickendes Mädchen» (2007) eine Arbeit vor, die mehrere Medien verwendet und miteinander zu einem Ganzen verschränkt: Bereits von fern hörbar erklingt die sonore Stimme einer Frau, die in eigentümlichem Tonfall eine Geschichte zu erzählen scheint. Bei genauerem Hinhören bleibt die gesprochene Sprache jedoch unverständlich. Der Versuch, die Sätze Wort für Wort, Buchstabe für Buchstabe zu entschlüsseln und übersetzen zu wollen scheitert. Nichts desto trotz wird mittels Satzmelodie und -rhythmus Information weitergegeben und eine bedeutungsvolle Atmosphäre entsteht. Auf visueller Ebene erscheint das Abbild eines raumgreifenden, mit schwarzem Band auf die Wand und den Fussboden geklebten Transistors als vermeintliche Quelle des Textes. Zudem begegnet der Betrachter einem strickenden Mädchen, dessen Gestalt mit wenigen Strichen umrissen und filmisch animiert worden ist. Die einzelnen Zeichnungen wurden an den ausschlaggebenden Stellen so präzise wie nötig und so unpräzise wie möglich gehalten. Auf ein einfaches Holzbrett projiziert wirkt das Mädchen so fast real belebt, versunken in sein Tun, das keinen sichtbaren Fortschritt zur Folge hat, da die Verschlingung der Fäden zu keinem wachsenden Gewebe führt. Welche Gedanken wohl vorüberziehen? Text und Bewegung sind auf seltsame Weise synchron. Der Betrachter findet sich nach kurzer Zeit bezaubert und getragen von einer fremden Sprache, entführt in eine fremde Welt und gleichzeitig ganz bei sich wieder.
Eveline Cantieni Schlumpf sprengt das übliche Format des Linear-Zeichnerischen in mehrerer Hinsicht: Die Wandmalerei als wohl älteste Form der Zeichnung erfährt eine Transformation mittels Klebband, dessen Oberfläche und verwendete Teilstücke die visuelle Wirkung strukturieren. Des Weiteren werden viele einzelne Handzeichnungen unter Einsatz von hochtechnologischen Mitteln zu einer Animation verbunden und projiziert. Über die Tonspur wird zusätzlich eine weitere Sinnesebene angesprochen. Auf diese Weise gelingt der Künstlerin eine spannende Verbindung von Tradition und Neuem sowohl auf inhaltlicher wie auch auf formaler Ebene.
In seinen neuesten Arbeiten, die Michael Günzburger (geboren 1974, lebt und arbeitet in Zürich) erstmals im Kunsthaus Grenchen zeigt, hat die Farbe als flächiger Malgrund Einzug in sein zeichnerisches Schaffen gehalten. Günzburgers Interesse gilt der Suche nach Möglichkeiten, auf eben diesem Malgrund mit so wenigen Strichen wie möglich Gestalt hervorzubringen, Figürliches zu umreissen, um damit der gezeichneten Linie Bedeutung zu verleihen. Wie viele Linien sind nötig, um das Wesentliche zu erfassen? Während der spielerische Umgang mit Linie und Fläche, mit Malmittel und Malgrund die neueren Arbeiten Günzburgers prägen, stehen in den vier Bleistiftzeichnungen aus früheren Jahren Präzision und Verdichtung im Vordergrund. Eine Vielzahl von einzelnen, kurzen Linien fügt sich zu einem Ganzen. Im scheinbar systematischen Aneinander, Ineinander und Übereinander von gebogenen und geknickten Linien erscheinen sowohl Chaos wie geordnete Gestalt.
Zur Gestaltung ihrer Installation «Napoleon IV» (2008) definiert Sonja Kretz (geboren 1980, lebt und arbeitet in Aarau) ein ganz eigenes System von Kriterien zur Wahrnehmung und Wiedergabe der vorgefundenen Umwelt. Die daraus resultierende, raumgreifende Neuinterpretation des Gesehenen erscheint dem Betrachter als Geflecht von Linien, deren Anordnung sichtbar bestimmten Gesetzen folgt, die jedoch ohne zusätzliche Information nicht ohne weiteres abzuleiten sind. Das gewählte, regelmässige Grundraster wird durchbrochen, subtil variiert und präzise demontiert. Durch diese Abstrahierung entstehen an der bespielten Wand neue Räume, eröffnen sich ungekannte Welten. Bleibt unsere Wahrnehmung im Zweidimensionalen verhaftet, werden Erinnerungen an Pläne oder Koordinatennetze geweckt – die Suche nach Analogien in der dinglichen Welt schärft unseren Sinn für die bereits vorgefundene Realität. Die unter Berücksichtigung gesellschaftlicher und räumlicher Aspekte und mit Hilfe von einfachsten Gestaltungsmitteln wie schwarzem Klebband entstandene Rauminstallation bewegt sich im Grenzbereich zwischen Kunst und Architektur.
Anita Kuratle (geboren 1967, lebt und arbeitet in Basel) untersucht in ihrem künstlerischen Schaffen die Gesetzmässigkeiten der zweiten und dritten Dimension in Bezug auf die menschliche Wahrnehmung. «Bild mit Netz» (2007) ist eine Arbeit, die je nach Standpunkt der Betrachterin oder des Betrachters als Gesamtes sowohl zwei- wie auch dreidimensional wirken kann. Ein an die Wand gepinnter Scherenschnitt, ein Netz von horizontalen und vertikalen Linien, führt scheinbar plastisch gerafft in den Hintergrund des Raumes, ähnlich einem Auffangnetz am Pistenrand oder einem Zaun auf einer Weide. Das vermeintliche Ende des Netzes führt hinter eine Stellwand, deren Vorderseite mit streng geometrisch angeordneten Linien versehen ist. Durch das Aufeinanderprallen von organisch-räumlichem, scheinbar konkretem Geflecht und einer Fläche mit geometrisch-abstrakten Linien erfolgt eine geschärfte Wahrnehmung von Fläche und Raum. Die Frage nach dem Funktionieren unserer Wahrnehmung stellt sich zwingend, gefolgt von derjenigen nach der Realität der wahrgenommenen Welt. Das bereits vorhandene Wissen um die Existenz von verschiedenen Arten von Netzen, die jeweils einen spezifischen Zweck erfüllen, verbindet sich mit dem im Moment Wahrgenommenen und lädt dieses mit Bedeutung auf. Die zugeschriebene Bedeutung bestimmt wiederum das daraus resultierende Verhalten: Ein Netz dient als Orientierungshilfe oder der Abgrenzung und Einteilung von Räumen. Es gibt ein Davor und Danach – bis wohin also soll diesem Netz gefolgt werden?
Die Arbeit «Office» (2004) von Zilla Leutenegger (geboren 1968, lebt und arbeitet in Zürich) verbindet das einfachste, ursprünglichste Mittel, um die Welt abzubilden – die Wandzeichnung – mit der modernen Technologie von heute: Eine junge Frau sitzt mit dem Rücken zum Betrachter (Projektion) an einem Schreibtisch in einem Büro (Wandzeichnung) und schreibt ihre Träume auf. Das aufgebaute «Setting» – die Kombination von raumgreifender Zeichnung, Ton und bewegtem Bild – zieht den Betrachter ins Geschehnis hinein und bietet ihm die Möglichkeit daran teilzuhaben. Die Gefühle, daneben zu stehen und unbemerkt einem intimen Moment im Leben einer anderen Person beizuwohnen oder aber gleichzeitig sich in dem Masse in die Person hineinzuversetzen, dass sich die eigene Person mit der fremden Figur vermischt, wechseln sich ab. Reale und virtuelle Welt verschmelzen für einen Moment, Unmögliches wird möglich, neu gewonnene Gedanken und Stimmungen öffnen für kurze Zeit den Vorhang zu einer anderen Welt.
Bruno Steiner (geboren 1970, lebt und arbeitet in Basel) gelingt in seiner Arbeit «Nest» (2006), einer Installation mit Animation, eine maximale Reduktion der Darstellung menschlicher Grundbefindlichkeiten. Zum Ausdruck gebracht werden Themen wie Eingrenzung und Ausgrenzung, Offenheit versus Geschlossenheit sowie die Frage nach Geborgenheit. Die Hauptrolle in dieser Arbeit spielt zu Beginn der animierten Sequenz eine der einfachsten Formen, die mit einer Linie dargestellt werden kann: der Kreis. Dieser Kreis rotiert im Uhrzeigersinn, nach und nach erfährt er Veränderungen. Es bilden sich Knicke, eine Vielzahl von Zacken entsteht und die Grundform des Kreises wandelt sich sukzessive in Richtung Quadrat und wieder zurück.
Die sich verändernden Formen, die Rotation und deren Tempo sowie der erklingende Ton – ein rhythmisches Surren, erzeugt durch das Zupfen eines gespannten Gummibandes – tragen zur Erzeugung von Bedeutung beziehungsweise zur Darstellung der Thematik bei. Die Beschaffenheit der Linie ermöglicht durch die Struktur des gezeichneten Striches erst eine Visualisierung der Drehung, bei völliger Glätte wären keine dienlichen Orientierungspunkte auszumachen.
Bezüglich der Präsentation der Animation ist die Projizierung der weiss leuchtenden, sich drehenden Kreislinie auf eine weisse Wand nur die folgerichtige Konsequenz hinsichtlich der auf das höchste Mass reduzierten Darstellung.
Die Auswahl der Bildvorlagen durch Bruno Tremblay (geboren 1969, lebt und arbeitet in Basel) aus dem reichen Fundus des Internets erfolgt intuitiv. Am Anfang steht eine besondere Affinität des Künstlers zu einem Bild, die sich dann nach und nach über den Prozess der Reflexion in ein begründetes Interesse und eine tiefe Verbundenheit mit dem Motiv wandelt. Aus der Wahl symbolischer Motive wie Herz, Diamant, Knoten oder Warhols Brillo Box und der präzisen und langsamen Vorgehensweise der Bildentstehung resultieren Werke von besonderer Präsenz.
Die Umsetzung der Bildvorlagen in von Hand angefertigte Zeichnungen geschieht mittels Bitmaps (Rastergrafik, Pixelgrafik). Die einzelnen Elemente der digitalen Bilderwelt sind frei von konkreter Bedeutung. Erst anhand geordneter Gruppierungen und aus einer gewissen Distanz lässt sich ein Bild erkennen. Von Nahe betrachtet, löst sich dieses jedoch wiederum in einzelne organisch geformte, lineare Teilchen auf und die Struktur tritt vor den konkreten Bildinhalt.
Nancy Wälti (geboren 1977, lebt und arbeitet in Solothurn) arbeitet in ihrem zeichnerischen Werk ohne Vorlagen. Ihre Arbeiten bestehen aus hunderten von kleinsten, präzis gezeichneten Strichen oder Rechteckchen, die, auf der Schmalseite stehend, aneinandergereiht, sich zu einem abstrakten oder figürlichen Bild formieren. Um eine Arbeit wie «Doppelpack» (2007) zu realisieren, benötigt sie neben einem Bogen Papier und Pigmenttusche lediglich zwei mit Bleistift eingezeichnete Hilfslinien und die Vorgabe der Unterkante, auf die die Rechtecke in geduldiger und ausdauernder Arbeit gesetzt werden – frei Hand und ohne vorzuzeichnen.
Die Vielzahl einzelner, einfachster Elemente ergeben zusammen ein Ganzes, ein Bild, direkt aus dem Kopf zu Papier gebracht. Der gewählte Bildaufbau folgt in Analogie den Prinzipien des digitalen Bildes, zusammengesetzt aus Millionen von Pixeln. Nancy Wälti verbindet mit dieser Vorgehensweise zwei scheinbare Gegenpole: die Tradition der Freihandzeichnung mit der modernen technischen Bildgenerierung.
Die Erscheinungsformen von technischem Material oder die Bildgenerierung technischer Geräte, wie das schwarz-weisse Flimmern und Rieseln auf dem TV-Bildschirm bei Störungen sind es denn auch, die Nancy Wältys Interesse wecken und sie zu weiteren hochpräzisen Zeichnungen führen.
Dominik Stauchs künstlerisches Schaffen ist multimedial und vielschichtig. Sein besonderes Interesse gilt der Verknüpfung musikalischer, literarischer und kunstgeschichtlicher Quellen. Dabei ist die Unterscheidung von sogenannt ernsthafter und populärer Kultur irrelevant, Stauch nimmt diesbezüglich keine Bewertung vor. Vielmehr zitiert, adaptiert und setzt er visuelle und auditive Elemente aus beiden Bereichen gezielt ein. Ebenso lässt sich der Künstler von traditionellen zeitlichen Ordnungskriterien nicht eingrenzen und verknüpft ungezwungen Biografien, Zeitgefühle und Stile. Überraschende Gegenüberstellungen verschmelzen zu einer Gesamtsicht auf Fragen der menschlichen Existenz.
Der Song „Watching the River Flow“ von Bob Dylan steht nicht nur dem Ausstellungstitel Pate, sondern schlägt auch auf ideeller Ebene den Grundton der Ausstellung an. Es ist ein Song über den oft unbegreiflichen Fluss des Lebens, ein Song von Wünschen, Visionen, Überdruss, Unverständnis und der Frage nach der Rolle im eigenen Dasein und im Leben anderer.
Für das Kunsthaus Grenchen verdichtet Dominik Stauch neueste Arbeiten, welche die Berliner Zeit spiegeln, als auch ältere Werke, die eine Neuinszenierung erfahren oder nach längerer Pause ihren Abschluss gefunden haben, zu einer raumgreifenden Installation – einer visuellen Erzählung von Angst und Mut, Sehnsucht und Traum, Erfolg und Scheitern. Inhaltlich verfolgt Stauch dabei keinen einzelnen, zeitlich kontinuierlichen Erzählstrang. Vieles ist gleichzeitig möglich: Die Gedankengänge und visuellen Verbindungen geschehen auf mehreren Ebenen, zeitlich und räumlich parallel oder ineinander fliessend, nicht auf ein gemeinsames Ziel gerichtet und doch einem Ganzen zugehörig.
Die Ausstellung gliedert sich in drei Abschnitte, wobei jeder einem Grundthema, einer Grundstimmung gewidmet ist.
„FEAR“ (Angst) steht in grossen Lettern an der ersten und einzigen Trennwand dieser Ausstellung geschrieben. Eine scheinbar gemauerte, in Wirklichkeit jedoch tapezierte Wand, die – farblich in unterschiedlichen Grautönen gehalten – Festigkeit, Starrheit und Schwere ausdrückt. Von Angst und den damit verbundenen Gefühlen der Spannung und Unsicherheit ist denn auch dieser erste Ausstellungsteil bestimmt. „Broken Stars“ lässt in einer stummen Animation die Namen zahlreicher Persönlichkeiten aus der Kulturgeschichte wie Virginia Woolf oder Walter Benjamin ablaufen, die an ihrem Erfolg zerbrochen sind – gespiegelt in einem dunklen, auberginefarbigen Stern, einer Ölmalerei hinter Glas – gebrochene Sterne eben. Gegenüber die Videoskulptur „Revolver“, deren Titel bereits die vermeintlich harmlose, verführerische Buntheit zu stören vermag.
Die Rückseite der Stellwand überfällt die Ausstellungsbesucher, -innen in einer Mischung aus Pink und Rot: „COURAGE“ (Mut) ist in weissen Buchstaben, ähnlich einer Leuchtschrift auf einem Display, zu entziffern. Diesmal ist die scheinbar gemauerte Wand in ihrer Wirkung dynamischer und leichter. „RAGE“ (Wut und Zorn) ist zugleich enthalten und spaltet sich vom Rest des Wortes ab, wenn vom hinteren Teil des Ausstellungssaals gesehen, die Holzskulptur „Big Boogie“ die ersten drei Buchstaben C-O-U verdeckt.
Weitere Bezugnahmen der einzelnen Arbeiten aufeinander sind in diesem eher dem Lebensmut zugeordneten mittleren Raumbereich vielfältig und unterschiedlicher Natur. Einige dieser Bezüge greifen zudem in den weiteren Ausstellungskontext über.
Dominik Stauch setzt, nicht nur in der oben beschriebenen skulpturalen wandbezogenen Arbeit, Worte als gestaltende und sinngebende Elemente ein, auch die Werke „Broken Stars“, „Three Tables for The Middle East“ und „Study for a Billboard“ operieren damit. Als gelernter Grafiker ist Stauch die Aussagekraft unterschiedlicher Schrifttypen hinlänglich bekannt. Die Verwendung von Wörtern im „Western-Stil“ oder mit dem Schwung des Coca-Cola-Logos bringt demnach auch eine über den eigentlichen Wortsinn hinausweisende, zusätzliche Bedeutungsebene mit ins Spiel. Schrift ist in zweifacher Hinsicht Träger und Übermittler von Information. Literarische Referenzbezüge spiegeln sich ausserdem in der Auseinandersetzung mit Texten und Biografien von Schriftstellern der „Beat Generation“ oder in der Verwendung von Leitmotiven aus griechisch-orthodoxen Schriften.
Eine weitere Bedeutungsebene generiert der Künstler in Werken wie „Don’t let me down“, „Studies for a Billboard“ „Urban Walkabout“ oder „Rise and Fall“, wenn Wort und Bild sich mit Klängen und Musik mischen. Das wiederholte, präzise Zusammentreffen von visuellen Ereignissen mit mehrstimmigen Tonfolgen, Akkorden oder Soundtracks erzeugt Spannung und unterschiedlich gefärbte Stimmungen. Mal leicht und schmelzend ähnlich einer Kaufhausberieselung, mal rockig und wild oder eher traurig, disharmonisch.
Hugo Ball, Joseph Beuys, William S. Burroughs, Jonny Cash, Kurt Cobain, Walt Disney, Bob Dylan, Jimi Hendrix, Franz Marc, Bruce Nauman, Nam June Paik, Pablo Picasso, Sun Ra, Marc Rothko, Vincent van Gogh, Robert Walser sind die Protagonisten in „Showdown“. Persönlichkeiten aus Kunst, Literatur und Musik unterschiedlichster Epochen treffen hier im Habitus des „lonesome Cowboy“ aufeinander. Allen gemein ist die bewegte und in vielerlei Hinsicht auch tragische Wendung ihrer Biografie. Mit dem Porträt von Franz Marc und der Ausführung der Siebdrucke in Blau nimmt Dominik Stauch die Verbindung zum „Blauen Reiter“ auf und verweist auf die Vorreiterrolle dieser losen Gruppierung in der Durchsetzung und Etablierung der modernen Kunst Anfang des 20. Jahrhunderts. Auch in anderen Werken Dominik Stauchs zeigt sich immer wieder seine starke Beschäftigung mit Künstlern der Avantgarde wie Piet Mondrian und das grosse Interesse an Bauhaus und De Stijl.
Arbeiten wie „Rise & Fall“, „Urban Walkabout“ oder „MOE“ zeugen von der intensiven Auseinandersetzung mit der Konkreten Kunst und der Minimal Art. Stauch verharrt jedoch nicht in vorgegebenen Mustern, sondern befragt, unterläuft und bricht Bestehendes, kombiniert unerwartet und entwickelt Neues.
Malerei nimmt eine zentrale Stellung in Dominik Stauchs künstlerischem Schaffen ein. Doch diese hat sich in seinem Werk nie auf ein gerahmtes Rechteck beschränken lassen. Sie hat sich Raum verschafft und stets den gewohnten Rahmen gesprengt: Mit Hilfe der neuen Medien erobert sie die Welt des Internets und zugleich diejenige der bewegten Bilder. Hinter Glas bezieht sie durch die Spiegelungen die Umgebung sowie den Betrachter und die Betrachterin durch deren Eigenbewegung mit ins Bild ein. Als gelochter Teppich lotet sie die Grenzen zwischen Kunst und Design sowie diejenigen zwischen Bild und Skulptur aus. Neuerdings befällt sie ganze Wände und Schränke und schafft neue Räume in der dritten Dimension. Damit beginnt Dominik Stauch zunehmend bildhauerisch zu denken – wahrzunehmen auch an der gezielten Transformation von Möbeln in Skulpturen unter anderem durch Bohrungen und präzise Ausschnitte von Löchern.
Im dritten und letzten Teil der Ausstellung nimmt die ambivalente Berg- und Talfahrt des Lebens eine tröstliche Wendung: Mit dem filmischen Zitat des Songs „Don’t let me down“ aus dem letzten Beatles-Konzert kommt das Thema Freundschaft ins Spiel. Während das originale „The Rooftop Concert“ der Beatles im Januar 1969 auf dem Dach der Apple-Studios in London stattgefunden hat, spielt Stauchs Version auf dem Dach des Atelierhauses in Thun. Noch einmal vermischen sich zeitliche, örtliche und biografische Ebenen zu einem neuen Erfahrungsraum. Die Aufforderung „lass mich nicht im Stich“ begleitet die Besucher, -innen beim nochmaligen Durchschreiten der Ausstellung zurück durch die verschiedenen „Settings“ – durch den mittleren Ausstellungsteil, der die Atmosphäre eines Wohnzimmers anklingen lässt, bis hin zum eher urban geprägten Eingangsbereich.
Eva Inversini, lic. phil., Kunsthistorikerin
Künstlerische Leiterin Kunsthaus Grenchen
IMPRESSION – Jahresausstellung für Druckgrafik
12.
Dezember 2008 bis 8. Februar 2009
Das Kunsthaus
Grenchen schafft eine neue Plattform für aktuelle Schweizer Druckgrafik.
Seit
diesem Jahr können
sich Kunstschaffende mit Bezug zur Region Solothurn / Mittelland für die
Teilnahme an der
„IMPRESSION – Jahresausstellung für Druckgrafik“ bewerben. Jedes Mal
erfolgt zudem eine
Einladung an eine andere Region: Im 2008 sind Künstlerinnen und Künstler
der Ostschweiz unsere
Gäste.
Die „IMPRESSION“ ist
eine jurierte Ausstellung, die zukünftig in
regelmässigem Rhythmus
stattfinden wird.
Eine Jury von drei Mitgliedern beurteilt die eingegangenen Dossiers und trifft
die Auswahl.
Zusätzlich zu diesem Auswahlverfahren lädt sie Kunstschaffende direkt ein. In
der
diesjährigen
Ausstellung präsentieren im Neu- und Altbau des Kunsthauses rund 30 Künstlerin-
nen
und Künstler Arbeiten aus ihrem gegenwärtigen druckgrafischen Schaffen. Damit
folgt
das Kunsthaus
Grenchen der langen hiesigen Tradition der Druckgrafik. Es führt neue druck-
grafische Werke mit
einer Vielfalt von Techniken und Ausdrucksformen zusammen und zeigt
die Faszination
Druckgrafik heute.
Eva
Inversini, Kunsthistorikerin, Künstlerische Leiterin Kunsthaus Grenchen